Zeitzeugengespräch mit Elke Schlegel


Auf eindrückliche Art und Weise berichtete die DDR-Zeitzeugin Elke Schlegel am 26. Februar 2026 in der Aula des Johannes-Gymnasiums von ihrem Kampf für ein freies und selbstbestimmtes Leben, ihren Wunsch in die BRD auszureisen und ihre Inhaftierung im Frauengefängnis Hoheneck.

Obschon Frau Schlegel eine fröhliche Kindheit in Jena erlebte, merkte sie spätestens mit Schuleintritt, dass sie in einem System aufwuchs, das kontrollierte und einschränkte. Die kleinen Geschenke, die sie in Form von „Westpaketen“ von ihrer Verwandtschaft im Westerwald zugeschickt bekam, sorgten für Schikanen und Zeugnisbemerkungen („Elke Schlegels politischer Standpunkt ist nicht gefestigt.“). Schon früh wurde sie mit den Repressionen des Systems konfrontiert. Meldungen über sie wurden vom Klassenratsvorsitzenden gemacht, weil sie beispielsweise einen Beutel aus der BRD trug. Der Zugang zur Kirche wurde ihr verwehrt, da die Lehren der Kirche als unvereinbar mit dem Staatskundeunterricht galten.

Nach ihrem Schulabschluss 1974 wollte Elke Schlegel Innenausstatterin werden, doch dieser Beruf konnte aufgrund der staatlichen Lenkung der Ausbildungsberufe nicht von ihr erlernt werden. Stattdessen absolvierte sie eine Ausbildung zur Hotelfachfrau. Ihr Traum, Stewardess zu werden, scheiterte ebenfalls, da man befürchtete, sie könnte das Land verlassen, da sie Verwandte im Westen hatte.

Mit ihrem Partner bekam Elke Schlegel 1981 einen Sohn. Da sie nicht verheiratet waren, stand der kleinen Familie laut DDR-Recht keine Wohnung zu. Aus diesem Grund besetzten sie eine leerstehende Wohnung. Obschon Elke Schlegel seit ihrer Schulzeit immer wieder „eingetrichtert wurde, dass im Westen Faulenzer, Schmarotzer, Alkoholiker und Prostituierte“ lebten, stellte sie gemeinsam mit ihrem Partner einen Ausreiseantrag. Grund hierfür war der Wunsch, dass der gemeinsame Sohn in einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft aufwachsen sollte. Von dem Tag des Ausreiseantrags an wurden sie und ihr Freund als „Staatfeinde Nummer 1“ betrachtet.

Der Wunsch in die BRD auszureisen hatte verheerende Konsequenzen für Frau Schlegel und ihre kleine Familie. So kümmerten sich die Kindergärtnerinnen des Sohnes von Frau Schlegel nicht mehr um das Wechseln der Windeln, Frau Schlegel und ihr Lebensgefährte durften ihre Jobs nicht mehr in der Öffentlichkeit ausüben und die gesamte Familie wurde gemieden. Zusätzlich sorgte Frau Schlegels Engagement im „Weißen Kreis“ für eine weitere Verhaftung samt Verhör. In dessen Zuge wurde Frau Schlegel angeboten, dass ihr Ausreiseantrag schneller bearbeitet werden könnte, wenn sie ihre Familie und Freunde ausspionierte.

Als einschneidendes Erlebnis hat Frau Schlegel den 28. März 1985 in Erinnerung, dem Tag, an dem Stasimänner ihre Wohnung stürmten, sie und ihren Partner verhafteten und in Untersuchungshaft steckten. Die Schilderungen der Haftbedingungen blieben den Schülerinnen und Schülern eindrücklich im Gedächtnis. Frau Schlegel musste in einer winzig kleinen Zelle leben, im Essen fand Frau Schlegel Maden und verschimmelte Lebensmittel und im Zuge der ständigen Verhöre wurde der DDR-Bürgerin gedroht, dass sie ihr Kind nie wieder sehen würde. In der Hoffnung, dem Gefängnis zu entkommen, hungerte sich Frau Schlegel auf 38 kg herunter.

Nach drei Monaten Untersuchungshaft wurde Frau Schlegel offiziell zu einem Jahr und sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Als Grund angeführt wurde versuchte Republikflucht und Nachrichtenübermittlung an den Westen. Im Frauenzuchthaus Hoheneck lebte Elke Schlegel unter unmenschlichen Bedingungen. Mit insgesamt 42 verurteilten Straftäterinnen teilte sie sich eine Zelle und musste Schikanen und Bedrohungen über sich ergehen lassen. Um sich vor sexuellen Übergriffen zu schützen, suchte sie sich eine Freundin im Gefängnis und gab vor, mit ihr liiert zu sein. Die Bestrafungen waren willkürlich, und die Arbeitsbedingungen waren brutal. Jeden Tag mussten die Insassinnen Konsumgüter herstellen und eine bestimmte Stückzahl herstellen. Wurde die Norm nicht erfüllt, verbrachte man seine Zeit in der sogenannten „Isolierzelle“. Während ihrer Haftzeit ernährte sich Frau Schlegel ausschließlich von Käse und Marmelade, weil die Brote mit einer Flüssigkeit getränkt waren, die den Sexualtrieb unterdrücken sollten. Gemeinsam mit vier Mithäftlingen verweigerte sie das Essen des Brotes und sang stattdessen das Lied „Die Gedanken sind frei“. Daraufhin wurde sie in eine Wasserzelle gesteckt, in der sie über Stunden in kaltem Wasser stehen und leiden musste.

Nach weiteren fünf Monaten Haft wurde sie „auf Transport“ geschickt, um in die BRD verkauft zu werden. Ihr Mann folgte ihr wenige Wochen später. Gemeinsam mit ihrem Sohn, den sie aus der DDR in die BRD holen durfte, baute sich die kleine Familie ein Leben in Koblenz auf, wo sie noch heute wohnt.

„Was ich euch unbedingt sagen möchte, ist, dass es Luxus ist, den Wasserhahn aufzudrehen und fließendes Wasser zu haben. Ich will euch sagen, dass es Luxus ist, in den Urlaub fliegen zu können und in einer Demokratie zu leben. Eine Demokratie bleibt nicht von alleine. Man muss für das Leben in einer Demokratie kämpfen. Ich habe Angst, dass es eine dritte Diktatur in Deutschland geben könnte.“ Mit diesen Worten schloss Frau Schlegel und hinterließ ein sprachloses und tief bewegtes Publikum.

Frau Schlegels bewegende Lebensgeschichte und ihr unermüdlicher Einsatz für Freiheit und Demokratie sind Ansporn, die Werte der Demokratie zu schätzen und für sie einzutreten.

Die gesamte Jahrgangsstufe 12 dankt Frau Schlegel herzlich für Ihre Offenheit und das Teilen ihrer Lebensgeschichte.