Politiker hautnah erlebten rund 60 Schülerinnen und Schüler des Lahnsteiner Johannes-Gymnasiums bei der (nicht öffentlichen) Podiumsdiskussion der Rhein-Lahn-Zeitung im Gemeindehaus St. Barbara. Auskunftsfreudig präsentierten sich die Kandidaten, die bei der Wahl am 22. September einen Sitz im Bundestag anstreben, interessiert und gut vorbereitet zeigten sich die Schüler aus den Leistungskursen im Fach Sozialkunde der Klassenstufen 11 bis 13. 

Da die heiße Phase des Bundestagswahlkampfs begonnen hat, konnten nicht alle Kandidaten aus dem Wahlkreis 200 Koblenz persönlich da sein: Michael Fuchs (CDU) konnte nicht selbst anwesend sein, ebenso wie Josef Winkler (Bündnis 90/Die Grünen), der von Leo Neydeck – für die Grünen Mitglied im Kreistag des Rhein-Lahn-Kreises – vertreten wurde, und Bettina Lau (Linke), für die Michael Rohr gekommen war. Von den jetzt regierenden Parteien im Bundestag war also nur Prof. Martin Kaschny (FDP) anwesend. Die eher „weniger etablieren Parteien“, so drückte es Schulleiter Rudolf Loch aus, waren fast in der Überzahl. Auch das war sicher Grund für die recht spannende Diskussion, die sich über zwei Stunden zu den beiden Themen Gesundheits- und Bildungspolitik entwickelte.

„Wie wollen Sie für eine gute Gesundheitspolitik sorgen?“, lautete eine Schülerfrage. Während der FDP-Mann Kaschny auf die erst kürzlich von Gesundheitsminister Daniel Bahr vorgestellte Öffnung der privaten Kassen für alle Versicherten hinwies, wurde von SPD, Grünen, Linken, Piraten und Freien Wählern eine (wie auch immer gestaltete) neue Bürgerversicherung (jeder zahlt entsprechend seines Einkommens) präferiert, was bei etlichen Schülern auf Kritik stieß: „Warum sollen Krankenversicherte für die gleiche Leistung unterschiedlich viel bezahlen“, merkte ein Schüler an. „Starke Schultern können mehr tragen“, antwortete Michael Rohr (Linke) und erinnerte an das Prinzip der Solidarität im Sozialstaat Deutschland. Ziel sei es, die Zwei-Klassen-Gesellschaft im Gesundheitswesen zu verhindern.

 

„Warum wurde so wenig in die Bildungspolitik investiert von der rot-grünen Landesregierung“, wollte ein anderer Schüler wissen. Detlev Pilger (SPD) wollte dieser Feststellung nicht zustimmen, erwähnte den Ausbau der inzwischen beitragsfreien Kitas, der Ganztagsschulen, „wir sind in Rheinland-Pfalz anderen voraus“, sagte er. „Warum zwingt man Kinder in die Ganztagsschulen?“ „Warum hat man die Hauptschulen abgeschafft?“ „Warum sollen die Gymnasien abgeschafft werden?“ „Wie will man dem Fachkräftemangel in Deutschland begegnen“, „Wer soll Bafög bekommen?“ „Wie sieht es aus mit Studiengebühren?“ waren weitere Fragen. Kaschny (FDP) sprach sich für eine Abschaffung des Numerus Klausus aus, „das ist erklärtes Ziel der Liberalen.“ „Jeder, dessen Eltern eine Ausbildung nicht finanzieren können, soll Bafög bekommen“, erklärte Pilger, und fügte an, dass er gegen Studiengebühren ist. „Wir wollen die Gymnasien nicht abschaffen. Unser Ziel ist das skandinavische Modell“, versicherte Neydeck (Grüne). „Eine Gesamtschule lehnen wir ab“, sagte Stefan Wefelscheid (Freie Wähler), „Fakten, die von Natur aus bestehen, kann man nicht ausblenden“, fügte er an. Pilger hingegen ist vom System Gesamt- und Ganztagsschulen überzeugt: „Schule muss mehr Lebensraum sein, dann hilft sie beim Ausgleich von sozialen Defiziten und fördert soziale Gerechtigkeit.“

Viele Fragen bleiben offen, und vieles wird bei Schüler und Politikern sicher noch für Nachklang sorgen. Einen Appell gaben alle Podiumsteilnehmer den Schülerinnen und Schülern mit auf den Weg: „Geht wählen! Nur so könnt ihr Zukunft mitgestalten.“

aus: Rh.-Lahn-Ztg. Bad Ems vom Donnerstag, 5. September 2013, Seite 18