Die Holocaust-Überlebende Henriette Kretz stellt sich den Fragen der Jahrgangsstufe 12

Am 2. Dezember 2021 konnten die Schülerinnen der Jahrgangsstufe 12 des Johannes-Gymnasiums eine beeindruckende Person kennenlernen. Henriette Kretz ist eine der letzten Holocaust-Überlebenden und ihre Lebensgeschichte geht wahrlich unter die Haut. Die 1934 in Stanisławów im damaligen Polen (heute Ukraine) geborene Jüdin hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, als Zeitzeugin ihre Erblebnisse während der NS-Zeit an junge Menschen weiterzugeben. Dabei hat sie eine eindeutige und starke Botschaft: trotz ihrer äußerst tragischen Geschichte und der vielen Gräueltaten, die sie miterleben musste – sie hat den Glauben an das Gute im Menschen nicht verloren!

Das Zeitzeugengespräch musste Corona-bedingt online stattfinden, aber dank der freundlichen Mithilfe von Dr. Marc Fachinger vom Bistum Limburg und dem Maximilian-Kolbe-Werk konnte Julia Ernst via Zoom den 120 Oberstufenschülern der Jahrgangsstufe 12 ein Kennenlernen mit Henriette Kretz ermöglichen, die aus ihrer Wohnung im belgischen Gent zugeschaltet war.

Zunächst erzählt Henriette Kretz den Schülerinnen ihre Lebensgeschichte in sehr lebhaften Bildern: sie wuchs in Polen auf, als einzige Tochter einer jüdischen Juristin und eines jüdischen Arztes, und sie hatte durchaus eine schöne Kindheit. Dann bricht im September 1939 der Krieg aus, und mit der Besetzung des Landes durch die Deutschen wird die Lebenssituation der Familie schlagartig verändert. Die Eltern fliehen mit Henriette nach Lemberg, und sie sieht als 5-Jährige zum ersten Mal den Krieg: große Verwirrung herrscht allerorts, brennende Häuser, ein feuerroter Himmel. Zunächst kann der Vater noch eine Stelle in einem Tuberkulose-Sanatorium erhalten, dann aber müssen sie weiterfliehen nach Sambor. Henriette wird in einem russischen Kindergarten untergebracht, darf später die Schule besuchen, aber auch nach Sambor kommen die deutschen Soldaten nach dem Überfall auf die Sowjetunion 1941. Das junge Mädchen ist zunächst beeindruckt vom schneidigen Auftreten der Deutschen, doch schon bald greifen die Maßnahmen der Besatzer in das Leben der Familie ein: sie darf als Jüdin nicht mehr in die Schule gehen, und bald darauf verliert ihr Vater seine Stelle, schließlich müssen alle Juden einen Judenstern tragen. Dann wird auch in Sambor ein Juden-Ghetto errichtet, in das auch Henriettes Familie umsiedeln muss, und Henriette lernt zum ersten Mal jüdische Kinder kennen, die jiddisch sprechen.


Henriette Kretz berichtet nun von dem Tag, an dem das Ghetto geräumt wurde: alle Juden werden auf der Straße zusammengetrieben und abgeführt, in Reih und Glied, Stadtbewohner schauen zu, und das Mädchen schämt sich, weil es sich vorkommt wie ein Verbrecher. Henriettes Vater kann dank seiner Verbindungen erreichen, dass ein Ukrainer ihnen hilft, der unmittelbaren Deportierung zu entkommen, und Henriette wird bei einer ukrainischen Patientin des Vaters versteckt, wird aber entdeckt und kommt in ein Gefängnis. Damals ist sie acht Jahre alt. Sie ist das einzige Kind unter vielen Frauen, sie leidet Hunger, und sie erlebt dort, wie ein deutscher Gefängniswärter eines Tages ein Neugeborenes in die Gefängniszelle wirft, um das sich die Frauen dann kümmern. Einige Tage später darf sie das Gefängnis wieder verlassen und trifft im Ghetto ihre Eltern wieder, die vor Rührung heftig weinen. Henriette ist so erschöpft, dass sie 24 Stunden lang schläft. Viele Häuser des Ghettos sind schon leer, Hunger bestimmt das Leben der Juden im Ghetto, und schließlich verdichten sich die Gerüchte, dass das Ghetto vollständig geräumt werden soll, aber wieder schafft es der Vater, dank seiner Verbindungen für ein neuerliches Versteck zu sorgen: die drei kommen bei einem ukrainischen Feuerwehrmann unter, der die Familie in einem engen und dunklen Kohlekeller, später dann auf dem Dachboden versteckt, wohlwissend, dass ihm dafür die Todesstrafe droht. Für Henriette Kretz ist diese Tat wahres Heldentum, die sie auch heute noch an das Gute im Menschen glauben lässt.

Im Sommer 1942 wird die Familie dann abermals von den Deutschen entdeckt, verraten von einem jüdischen Mann, der – wie sich später herausstellt – selbst für kurze Zeit im Kohlekeller untergekommen war. Der ukrainische Feuerwehrmann und seine Frau werden sofort erschossen, die Familie soll abgeführt werden, aber Henriettes Vater bleibt einfach stehen, will nicht mehr fliehen. Er ruft Henriette zu, sie solle loslaufen, und als das Mädchen fortläuft, hört es hinter sich zwei Schüsse, und da wird ihr klar, dass ihre Eltern tot sind. Henriette Kretz beschreibt eindrücklich, wie sie in dieser warmen Sommernacht zur Waisen wurde, wie sie sich in der folgenden Nacht im Gebüsch versteckt, zunächst völlig ratlos, sich dann aber am nächsten Morgen an ein Waisenhaus auf der anderen Seite der Stadt erinnert und ihren ganzen Mut zusammennimmt, um dorthin zu gelangen. Sie hat unglaubliches Glück, nicht entdeckt zu werden, und im Waisenhaus findet sie Schutz. Schwester Celina, eine Franziskanerin, empfängt sie an der Tür mit den Worten: „Kind, Du bist hier in Sicherheit!“ Henriette Kretz wird versteckt gehalten, zusammen mit elf weiteren jüdischen Kindern und drei Sinti und Roma-Kindern, und nur einen Monat später wird die Stadt von den Russen befreit, womit auch für Henriette Kretz das Verstecken zu Ende geht.

Nach dieser bewegenden Lebensgeschichte und einer kleinen Pause stellt sich Henriette Kretz den zahlreichen Fragen der interessierten 12-Klässlerinnen. Sie betont, dass man sie alles fragen könne, und die jungen Schüler interessiert vor allem das Seelenleben der 87-Jährigen. Ob sie jemals Hass verspürt habe? Wie sie Rechtsextremen (auch heute) begegne? Wie sie es geschafft habe, mit diesem unglaublichen Schicksal umzugehen und neuen Lebensmut zu schöpfen? Henriette Kretz antwortet auf jede Frage einfühlsam, und es wird klar, dass sie nicht zuletzt aus ihrem Glauben an die Menschheit Mut gefasst hat, dass sie es sich zur Aufgabe gemacht hat, diesen Glauben an die Menschlichkeit weiterzugeben, und dass sie dabei auch nicht die Begegnung mit den Andersdenkenden scheut. Für sie ist es eine sehr wichtige Aufgabe, diese Begegnungen zu schaffen, ihre Geschichte zu erzählen, und so dem Hass entgegenzutreten, der oft aus Ignoranz und Unwissenheit entspringt. Hass jedoch bewirkt für sie immer nur Gegenhass, daher habe sie für sich beschlossen, den Menschen zu vergeben, so gut es eben geht. Für sie sind diejenigen Menschen Helden, die ihr Leben riskiert und hingegeben haben, um andere zu schützen und zu retten. So wie das kleine Baby von den Gefängnisfrauen gerettet wurde… Jahre später trifft sie diesen Menschen durch Zufall in einem Zug wieder, inzwischen zu einem Mann herangewachsen – ein kleines Wunder.

- ElB, 10.01.2022 -

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