Interview mit Pater Alfred Bell am 09. Juli 2013, Rom, Italien (von Annika Czech)

Als ich bei 35°C die Piazza San Pietro (Petersplatz) erreichte, erkannte ich unseren Pater Bell schon von Weitem. Wie erwartet, war das Wiedersehen äußerst herzlich und das Interview höchst interessant.

Pater Bell und Annika Czech in Rom

                                                                                                                              Pater Bell und Annika Czech am 9. Juli 2013 in Rom

Ich: Lieber Pater Bell, es freut mich sehr, Sie wiederzusehen! Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen. Sie können sich kaum vorstellen, wie viele Grüße ich Ihnen aus Lahnstein überbringen soll. Wie geht es Ihnen?

P. Bell: Zunächst möchte ich sagen, dass es mich sehr freut, dass du mich mit deiner Mutter und deinem Bruder besuchst. Alle Schüler, Lehrer, Eltern und Ehemalige des Johannes-Gymnasiums sind hier immer willkommen.

Mir geht es in Rom sehr gut. Ich fühle mich wohl. Vor allem die römische Lebensart und den Charakter der Menschen schätze ich sehr. Trotz vielen finanziellen Einschränkungen - bedingt durch die Wirtschaftskrise - nehmen die Italiener das Leben nicht so schwer und wissen es zu leben. Das gefällt mir.

Ich: Sie leben nun schon seit 5 Jahren in Rom. Beherrschen Sie die italienische Sprache inzwischen fließend? War es zu Anfang schwierig?

P.Bell: Da ich bereits von 1988 - 1994 in Rom lebte, hatte ich natürlich gute Grundlagen. Inzwischen habe ich sicherlich ein passables Sprachvermögen. Ich mag die Sprache sehr gerne und finde es schade, dass italienisch in der Welt so wenig verbreitet ist.

Ich: Auf mich wirkten Ihre Sprachkenntnisse nahezu perfekt. Können Sie mir schildern, welche Aufgabe Sie hier im schönen Rom verfolgen und wie Sie dazu kamen?

P.Bell: Nachdem ich Ende Januar 2008 pensioniert wurde, rief mich im Juni des gleichen Jahres der Generalsuperior unserer Ordensgemeinschaft an. Er bot mir die Stelle in Rom an, die sich zunächst auf die würdige Durchführung der Heiligsprechung von Damian de Veuster konzentrieren sollte.

Die Aufgabe reizte mich und schon nach zwei Tagen habe ich zugesagt. Und dann ging alles sehr schnell. Bereits am 24. Juni 2008 wurde ich im Vatikan akkreditiert. Damit vertrete ich die Kongregation von den Heiligsten Herzen Jesu und Mariä – in Deutschland Arnsteiner Patres genannt – in allen Angelegenheiten gegenüber dem Vatikan und bin Verbindungsperson des Vatikans gegenüber unserer Ordensgemeinschaft. Zwei sind meine wesentlichen Aufgabenfelder als Generalpostulator und Generalprokurator:

  •  die Vorbereitung und Durchführung von Selig- und Heiligsprechungen von unseren Ordensmitgliedern
  • die Verantwortung für die korrekte Abwicklung von Situationen einigerunserer Mitbrüder, die sich in einer schwierigen Lebensphase befinden, welche einer Klärung ihres Ordensstatus bedarf.                               

Zudem bin ich in unserem Haus Ökonom.                                   

Ich: Wie läuft denn eine Selig- oder Heiligsprechung ab?

P.Bell: Im Vorfeld wird streng geprüft, ob eine vorgeschlagene Person die Bedingungen für einen Selig- oder Heiligsprechung erfüllt. Der Prozess beginnt in der Diözese, in welcher der zukünftige Selige / Heilige gelebt und gewirkt hat oder in der er verstorben ist. In einem ersten wichtigen Schritt wird sein gesamtes Schriftgut zusammengetragen und  geprüft. Ferner sind die Zeugenaussagen sehr wichtig. Alle Akten werden in einer abschlie?enden Sitzung einem Ausschuss vorgestellt, versiegelt und nach Rom zur Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse geschickt. Damit ist die Phase der diözesanen Ebene beendet und es beginnt die entscheidende römische Phase. Dort werden die Unterlagen in einer halböffentlichen Sitzung von dem Kanzler der Kongregation entsiegelt und es beginnt die kritische Arbeit mit den Unterlagen. Ab diesem Punkt ist der Generalpostulator gefordert, während auf der diözesanen Ebene sein Stellvertreter vor Ort verantwortlich gearbeitet hat. Die Kernarbeit besteht nun in der Erarbeitung einer sogenannten „POSITIO super vita, virtutibus et fama sanctitatis“, die zwischen 800 und 1.000 Seiten umfasst. Dem Postulator wird ein sogenannter Relator, ein Experte zur Seite gestellt, mit dem er sich ca. alle 2 Monate bespricht. Wenn die Positio die Approbation erhalten hat, ist eine weitere wesentliche Bedingung zu erfüllen: das Wunder, dass Gott auf die Fürsprache des zukünftigen Seligen / Heiligen an einer Person gewirkt hat. In der Regel handelt es sich um Heilungswunder. Dies bedeutet: Die Ärzte stellen fest, dass die Genesung einer von ihnen als unheilbar deklarierten Person nicht mit den Möglichkeiten der heutigen Medizin zu erklären ist.

Ich: Wie lange dauert eine Selig- oder Heiligsprechung insgesamt?

P.Bell: Sehr lange, Jahrzehnte. Nehmen wir das Beispiel unseres hl. Pater Damian. Die Vorbereitungen zu seiner Seligsprechung begannen bereits 1936, als sein Leichnam auf Anordnung des belgischen Königs Leopold III. von Molokai (Hawaii) nach Belgien überführt wurde. Während  des zweiten Weltkrieges und der Nachkriegszeit konnte die Arbeit nicht fortgeführt werden. Die Seligsprechung durch Papst Johannes Paul II. fand am 4. Juni 1995 in Brüssel statt, heiliggesprochen wurde der selige Pater Damian von Papst Benedikt XVI. am 11.10.2009 in Rom. Damit ist Pater Damian de Veuster der erste und bisher einzige Heilige unserer Ordensgemeinschaft.

In diesem Zusammenhang darf ich noch erwähnen, dass der hl. Damian de Veuster am 1. Dezember 2005 nach einer Befragung der belgischen Bevölkerung als „der grö?te Belgier aller Zeiten“ ausgezeichnet wurde.

Wir haben aktuell weitere sechs Prozesse zur Selig- und Heiligsprechung von unseren Mitbrüdern in Bearbeitung. Ich freue mich ganz besonders darüber, dass am 13. Oktober 2013 fünf Mitbrüder aus unserer Gemeinschaft als Märtyrer im spanischen Tarragona selig gesprochen werden.

Ich: Was gönnen Sie sich in Ihrer Freizeit?

P.Bell: Leider habe ich wenig Freizeit. Ich treibe ein wenig Sport, indem ich laufe und Fahrrad fahre. Zudem pflege ich einige Freundschaften, empfange Besucher, erkunde antike Stätten und reise gelegentlich. Des Weiteren engagiere ich mich hier, wie auch bereits in Koblenz, im Rotary Club. Hin und wieder schaue ich mir im Olympiastadion ein Fußballspiel an.

Ich: Wie leben Sie denn hier in Rom?

P.Bell: Ich lebe in unserem Generalat gemeinsam mit 10 Mitbrüdern aus 6 Nationen, die aus 4 Kontinenten stammen: das Leitungsgremium der Ordensgemeinschaft, der Superior, der Generalsekretär, der Generalökonom und der Archivar.

Ich: Haben Sie den neuen Papst Franziskus schon kennengelernt?

P.Bell: Nein, noch nicht. Er ist sehr gefragt. Bei "Papa Benedetto" war es einfacher - vielleicht auch, da er Deutscher ist.  Papst Franziskus möchte zunächst die direkten Angestellten des Vatikans und deren Familien zur Messe in seine Privatkapelle einladen. Danach wird es sicher möglich sein, ihn kennenzulernen.

Ich: Sind Sie Bürger des Vatikans?

P.Bell: Nein. Bürger des Vatikans zu werden, ist sehr schwierig. Das erkennt man daran, dass der Vatikan zur Zeit nur 409 Bürger, doch rund 3000 Angestellte hat. Da der Vatikanstaat nur über ein geringes Einkommen verfügt und trotzdem beispielsweise weltweit die vielen Nuntiaturen („Botschaften“) unterhalten muss, wäre die Verantwortung für mehr Bürger finanziell zu aufwendig. Ich persönlich arbeite zwar für den Vatikan und im Vatikan, bin jedoch bei der Ordensgemeinde angestellt. 

Ich: Vermissen Sie das Johannes-Gymnasium und das schöne Mittelrheintal?

P.Bell: Meine Arbeit hier erfüllt mich sehr und ich bin äußerst zufrieden, aber natürlich vermisse ich das Johannes-Gymnasium. Vor allem die jungen Leute und der Kontakt zu vielen verschiedenen Menschen fehlen mir. Der Abschied fiel damals sehr schwer, aber mir hätte keine schönere Aufgabe zufallen können als diese hier in Rom. Ich bin gespannt, wie es weitergeht. Mein sechsjähriges römisches Mandat geht im nächsten Jahr zu Ende.

Ich: Sind Sie denn schon einmal mit der Seilbahn in Koblenz gefahren?

P.Bell: Ja, sogar schon häufig zu BUGA-Zeiten. Über den kürzlich getroffenen Entschluss zum Erhalt der Seilbahn habe ich mich sehr gefreut.

Ich: Wenn einer unserer Leser mal nach Rom reisen würde, wo sollte er/sie hingehen? Welcher ist hier Ihr Lieblingsort?

P.Bell: Das ist schwer zu sagen und hängt von den jeweiligen Interessen ab. Ich glaube, das Pantheon mit seiner wunderbaren Kuppel gefällt mir neben dem Petersdom am besten. Seine Kuppel hat eine Öffnung von 9 Metern im Durchmesser. Eine Kuppel ohne Schlussstein! Eine gro?e Herausforderung für unsere heutigen Architekten. Aus Respekt vor diesem Wunderwerk hat Michelangelo die Kuppel des Petersdom im Durchmesser 28 cm kleiner gestaltet. 

Des Weiteren mag ich die Piazza Navona und den deutschen Nationalfriedhof im Vatikan sehr gerne.

Ich: Was halten Sie denn vom Ehemaligenverein des Johannes-Gymnasiums?

P.Bell: Davon halte ich sehr viel und bin natürlich selbst Mitglied. Ich gratuliere allen, die zur Gründung des Ehemaligen Vereins beigetragen haben. Das ist eine tolle Initiative.

Ich: Können Sie zum Ehemaligenfest am 14. September 2013 kommen?

P.Bell: Ja, zu dieser Zeit bin ich tatsächlich in Lahnstein und komme sehr gerne.

Ich: Das ist ja wirklich schön. Ich freue mich, Sie dort zu treffen. Vielen Dank für das informative Interview und Ihre herzliche Gastfreundschaft!

P.Bell: Die Freude ist ganz auf meiner Seite. Ich freue mich immer, nach Lahnstein zu kommen und über Besuch hier in Rom!