Mathematics Summer Camp von 25.6. bis 5.7.2015, Jacob’s University Bremen

Als mir Frau Dötsch ungefähr eine Woche vor geplantem Beginn von der Möglichkeit berichtete, sich trotz verstrichenem Anmeldeschluss noch für das Mathematics Summer Camp an der Jacobs University in Bremen zu bewerben, musste alles sehr schnell gehen. Ich schrieb eine Email an Professor Huckleberry, ein Bekannter von Frau Dr. Mittag und außerdem einer der Dozenten des Camps, bewarb mich später noch einmal formell und wartete.

Wenige Tage später fand ich mich auf Gleis 8 des Hauptbahnhofs von Bremen wieder, auf dem Weg zu einem hochgehaltenen Schild mit meinem Namen. Zu dem Schild gehörte Priyanka, eine ehemalige Studentin der Jacobs University. Sie begleitete mich (oder eher ich sie) auf meinem Weg zum Vorort / Stadtteil Vegesack, dem Standort des Campus. Dort angekommen, drückte man mir einen Umschlag mit einigen Unterlagen und einen Zimmerschlüssel in die Hand, zusammen mit einer Wegbeschreibung die mich zu besagtem Zimmer bringen sollte (was sie auch tat, nach einigem Herumfragen). Die Zimmer waren je zwei Einzelzimmer, die durch einen Vorraum mit einem Bad verbunden waren. Ausgestattet waren sie mit je einem Bett, Schreibtisch und Kleiderschrank, und einem Fenster, das sich öffnen ließ (was sich später sowohl als Vorteil als auch als Problem herausstellte).

Nachdem ich meinen Koffer aus- und den dicken Pullover eingepackt hatte, begab ich mich in den  Common Room (Gemeinschaftsraum), in der Annahme einer der letzten Anreisenden zu sein. Allerdings war ich, außer vier Leuten die schon am Vortag angekommen waren, offenbar vergleichsweise früh. Ich traf auf Pesco und Kostadin (beide aus Bulgarien), Vera (Mazedonien) und Lev (USA, Chicago). Schnell entwickelte sich ein Gespräch und wenig später ein Tischtennisspiel (der Gemeinschaftsraum war mit Billardtisch, Tischkicker und Tischtennisplatte, sowie einigen Sofas gut ausgestattet). Später trafen auch die anderen Teilnehmen vereinzelt ein, bis auf wenige Ausnahmen, die am folgenden Tag ankamen. Wie sich herausstellte kamen sie aus allen Teilen der Welt, neben den oben genannten Herkunftsländern waren noch die Niederlande, Pakistan, Belgien, Spanien, Kalifornien, die Ukraine und Südkorea dabei. Die Tatsache, dass sich (fast) niemand kannte, störte keinen, und es entstand schnell eine Gemeinschaft in der Gruppe, die ich so noch nicht erlebt hatte.

Nach einem (sehr guten) Frühstück am nächsten Tag ging es dann los mit dem, warum wir eigentlich hergekommen waren: Mathematik. Die erste Vorlesung des Camps wurde von Professor Marcel Oliver gehalten, das Thema war Discrete Dynamical Systems (zu Mathe-Deutsch: Diskrete Dynamische Systeme, zu Deutsch-Deutsch: Modellierung von verschiedenen Vorgängen in der realen Welt, z.B. das Verhalten eines Medikaments, das in regelmäßigen Abständen verabreicht wird oder ein sich selbst regulierender Markt). Auch die zweite „Vorlesung“ war zu diesem Thema, allerdings fand sie im Computerlabor statt, wir hatten Gelegenheit das gelernte direkt umzusetzen. Generell ist „Vorlesung“ meistens nicht das treffende Wort, da mit nur 18 (später 17) Leuten ein deutlich interaktiverer „Unterricht“ möglich war (auch das ist nicht wirklich das richtige Wort). Nach dem Mittagessen standen noch zwei weitere Einheiten auf dem Plan, eine zum Thema Enigma und die andere über das Newton-Verfahren bei Polynomen im Bereich der komplexen Zahlen (die Erklärung spare ich mir hier einfach mal). Danach beendeten wir den Tag mit dem Abendessen, dem Film „The Imitation Game“ und später mit einem gemütlichen Beisammensein.

Aus nicht allzu schwer zu erratenden Gründen werde ich nicht jeden Tag einzeln beschreiben, auch wenn die Erinnerungen noch ziemlich frisch sind. Grundsätzlich hatten fast alle Tage die gleiche Struktur wie Tag 1, jedoch standen nicht immer vier Vorlesungen auf dem Plan. Das Niveau der Mathematik schwankte zwischen den Vorlesungen von „ziemlich gut verständlich“ zu „ähhm, bitte nochmal von vorne“ (was allerdings gut war, aus meiner Sicht) und wieder zurück.

Neben einigen im Programm eingeplanten Freizeitaktivitäten wie einer Stadtbesichtigung von Bremen, einem Besuch des „Universums“, einem Spaziergang entlang der Lesum und der Weser, und Bowling ergaben sich auch zahlreich Gelegenheiten für freie Aktivitäten. Der Campus bot mit Basketball-, Fußball- und Beachvolleyballfeldern sowie einer Sporthalle mehr als genug Möglichkeiten, aber auch Karten- und Gesellschaftsspiele oder einfach nur Gespräche miteinander fanden große Beliebtheit. Die Gruppe war, wie schon erwähnt, einfach großartig, keiner wurde ausgeschlossen und jeder verstand sich mit jedem. Dazu kam natürlich, dass man sich viel zu erzählen hatte, nicht oft trifft man schließlich Leute aus der ganzen Welt auf einem Haufen. All das führte ab ca. dem sechsten Tag auch dazu, dass die Abende etwas länger wurden.

Eines der Highlights war das Treffen mit John Conway am Freitagabend. In einer (nicht ganz so kleinen) Gruppe sprachen wir mit ihm unter anderem über Unendlichkeiten und die Frage „Existieren Zahlen?“.

Am Sonntagmorgen war es dann auch schon Zeit zur Abreise, und mit einer leichten Verspätung von 75 Minuten traf der Zug in Koblenz Hbf. ein.

Ziel des Camps war es, einen Einblick in die Mathematik zu gewähren, wie sie an Universitäten unterrichtet wird, und bei einer Entscheidung „Mathe-Studium, ja oder nein?“ zu helfen. In dieser Hinsicht war es ein kompletter Fehlschlag, ich bin mittlerweile von meinem ziemlich sicheren Informatik-Studiumswunsch abgekommen und bin mir nun nicht mehr sicher, ob ich nicht doch Mathe nehmen sollte. Ansonsten war es ein voller Erfolg, die Mathematik war neu und interessant für mich, und zur Gruppe muss ich auch nicht mehr viel sagen. Da auch das Essen gut war, bleibt nur noch zu sagen, dass ich viele wertvolle Erfahrungen mitgenommen habe, und mich sofort noch einmal bewerben würde.

Sören Selbach