– und nur kein Schülertheater :  Das waren die einzigen Vorgaben, die Kursleiter Friedhelm Hahn seinen Schülerinnen und Schülern, die vor zweieinhalb Jahren den allerersten Kurs Darstellendes Spiel am Johannes-Gymnasium belegten und jetzt kurz vor dem Abitur stehen ,  als „Arbeitsauftrag“  an die Hand gab. Das Ergebnis sind fünf sehenswerte „Einakter“, die ebenjene Schüler jetzt an drei Abenden im Sporkenburger Hof  vor voll besetztem Haus präsentierten. Die Zuschauer waren begeistert und Kursleiter Friedhelm Hahn war sichtlich stolz und zollte seinen  Schülerinnen und Schüler großen Respekt ob ihrer beeindruckenden „Reifeprüfung“. 

„Take a walk on a wild side“ – der Lou Reed-Klassiker ist die Klammer, die die fünf Stücke zusammenhält,  neben dem Titel  macht ein kurzer Text  - an die Wand projiziert - neugierig auf das Bühnengeschehen.  So verschieden wie die jungen Menschen, so verschieden sind ihre Ideen , Sichtweisen zu und schließlich ihre Spiel  mit fünf Stühlen. Der erste „Akt“: „Stimmen“ füllen den dunklen Raum, erzählen von „ihm“, mit dem „sie die Welt erobern will“: „Aber kann ich mir das leisten?“.  Die Stimmen informieren über die Dichte von Brauereien auf der Welt, berichten vom ganz normalen „Wahnsinn“, tauschen Sentenzen aus „Kolibris können nicht gehen“, und dann gibt es 10 Punkte für Griffindor.  Sie genießen das Spiel mit den Worten: Variation, Wiederholung, Betonung, Frage, Aussage,  sie zerlegen und fügen zusammen  – man könnte sich die Frage stellen: „Ist das Kunst?“

Eine Antwort  findet auch die zweite Gruppe nicht, die sich in ihrem Einakter explizit mit dieser  Frage auseinandersetzt. Fünf Schauspieler, fünf Stühle, fünf Farben: „Das ist doch keine Kunst!“ - oder doch? Wortspiele auch hier, eine Auseinandersetzung mit Kunst und Leben, wo jeder seinen eigenen Raum, Grenzen, aber auch Brücken braucht: „Das muss differenzierter betrachtet werden, Perfektion ist gefragt!?“  Auf der Bühne entstehen Bilder: Menschenmauern, Stühlebrücken, Eckpunkte, Standpunkte, Nähe, Ferne – und immer wieder die Frage: „Wenn ich nur wüsste, was Kunst bedeutet?“

Mehr als ein halbes Jahr haben sich die Schüler mit ihren Stücken auseinandergesetzt, erste Ideen gesammelt, probiert, Texte geschrieben, wieder probiert, Texte verworfen und neu geschrieben – und langsam sind die Stücke gereift. Friedhelm Hahn, der viele der Schüler schon seit fast neun Jahren kennt und unterrichtet und mit ihnen im vergangenen Jahr auch sehr erfolgreich das Musical „Dogs“ auf die Bühne brachte, griff nur ein, wenn es unumgänglich war. Die jungen Leute konnten dabei  auf all das zurückgreifen, was sie in den letzten zwei Jahren im Unterricht gehört und erarbeitet hatten – von Theater der griechischen Antike bis zum Absurden Theater und dem zeitgenössischen Schauspiel  spannte sich da der Bogen. Und thematisch gab es keine Tabus – Liebe, Sozialkritik, Beziehungen, Bezüge, Freiheit, Revolutionen und  „Wer bin ich, wer bist Du?“

Es ist eine der zentralen Frage, die sich eine männliche „Alice im Spaceland“ stellt und die der junge Mann sich nicht so wirklich beantworten kann. „Namen geben Gestalt“, meint der Hutmacher, während die Raupe sinniert, dass „er früher anders aussah, dicker, dünner, kleiner größer?“  Ich, du, er, sie, es, Sinn, Unsinn, Love, Peace – immer schneller drehen sich die Worte und mit ihnen Tigerkatze, Schmetterlingsflügel, Herzdame um Alice. Ein absurdes, buntes Spiel, das um die Gedanken kreist, die junge Menschen beschäftigen.

Schwarz – weiß  ist dagegen die Welt am „U-Bahnhof Alexanderplatz“ – aus einem zufälligen Tafelanschrieb entwickelten die Schüler eine Szene, wie sie sich jederzeit abspielen könnte. Sechs Menschen, zwei Koffer, Gesprächsfetzen über Märkte, die neuesten Charthits, globale und persönliche  Probleme – im Schnitt vergehen neun Minuten zwischen Abfahrt und Ankunft von zwei Zügen. Unterschiedliche Sichtweisen auf die Welt – schwarz-weiß  = böse-gut -  und : „Man müsste hier mal saubermachen. Man sieht die Ratten über den Boden kriechen.“ 

Soviel Leere lässt den Zuschauer frösteln, doch liegt in den „Liebe“(s)-Beziehungen des letzten Einakters die Erlösung? Sieben verschiedene literarische Vorlagen (u.a. Zauberflöte, Shakespeare, Goethe) hat die Gruppe genutzt, neue Zusammenhänge erarbeitet, Perspektiven geändert. Die Liebe in allen Facetten  – zwischen Mann und Frau, zwischen gleichgeschlechtlichen Menschen, mit wechselnden Partnern, drei Paare und ihre Befindlichkeiten: Anmache, Anzüglichkeiten, Eifersucht, Gewalt, die saubere Liebe, das große (Titanic)-Glück und „Hör doch auf - mit Deiner ewigen Liebe!“  Da lassen bekannte Verse eine neue Sicht zu, wird die Hintergründigkeit des Heiderösleins deutlich.

Ein überaus gelungener Theaterabend, der zeigt, wie intensiv sich junge Leute mit sich und der Welt auseinandersetzen. Mit  ihrem Spiel – ist die ganze Welt vielleicht doch nur eine Bühne? – und mit Worten. Wie heißt es doch bei Lewis Caroll: (Alice)  „Die Frage ist doch, ob du den Worten so viele verschiedene Bedeutungen geben kannst!“ „Die Frage ist doch“, sagte Humpty Dumpty, „wer die Macht hat und das ist alles.“

Die „Einakter“ und ihre Akteure:

  • „Stimmen“ – Jenny Bonn, Dominik Bonenberger, Christopher Grabe, Jessica Steudter, Felix Schäfer
  • „Kunst“ – Raphaela Hotten, Hannah Schmitz, Julia Hilbert, Oliver Dzawirs, Anahita Shirazi
  • „Alice im Spaceland“ – Niklas Hürtgen, Lena Eifler, Jacqueline Mongeville, Sarah Adelfang, Anne Beier
  • „U-Bahnhof Alexanderplatz“ – Cedric Crecelius, Justus Schneider, Rico Zimmermann, Christina Krieg, Natalie Eckert, Heike Koch
  • „Liebe“ – Anna Heimberger, Desiree Blasberg, Bianca Enache-Mija, Dominik Bonenberger, Till Überrück-Fries