Keine Handlung, keine „normalen” Rollenvorgaben, kein „Gefälligkeits”- oder irgendwie naturalistisches -Theater und vier Stühle: Das war die Vorgabe von Kursleiter Friedhelm Hahn für die 32 Schülerinnen und Schüler seiner beiden Kurse Darstellendes Spiel (MSS 12) am Johannes-Gymnasium. „Postdramatisch eben. Was bleibt ist der Text: An ihm gilt es zu arbeiten”, war dann auch gleich zu Beginn eines überaus interessanten Theaterabends im Sporkenburger Hof zu lesen, in dem die Schüler ihre Jahresarbeiten auf die Bühne brachten. 

Sie haben an ihren Texten gearbeitet: Alle sind selbst geschrieben, mal mit Anleihen bei Dostojewski oder Goethe, inspiriert von der Bibel oder der gängigen Rap-Szene. Wortspiele, Neuschöpfungen, ohne Worte, mit Wiederholungen, Reihungen, Assoziationen – neun Gruppen mit neun völlig unterschiedlichen Herangehensweisen an Sprache und Ausdruck. Und doch kreisen sie alle um die gleichen Themen: Sinnsuche - mit und ohne Drogen, Angst, Glück, Glaube, Liebe, Beziehungen. Und dann wären da noch facebook und die völlige Vernetzung, ach ja und „Null bock”. Oder vielleicht doch “Bock haben auf … Fußball, Essen, Liebe”. Nicht alle Texte erschließen sich beim ersten Zuhören, nicht alle entstandenen Szenen auf den ersten Blick. Manches ist irritierend, skurril, verstörend, selbst für die jungen Schauspieler nicht alles erklärbar. „Wenn Sie etwas nicht verstehen (Komma,) wir können Ihnen nicht helfen!”warnen sie deshalb schon zu Beginn der Vorstellung.

Friedhelm Hahn lässt seine Schülerinnen und Schüler auf der Bühne nicht „allein” agieren, er stellt ihnen Musik und Videoinstallationen zur Seite: Unterstützend, erklärend, verbindend, aber auch um alte Sichtweisen zu durchbrechen, Perspektivwechsel anzuregen. „Kein Schwein ruft mich an” - ein stilisierter Tango unterbricht das Dauergeschwätz der „Mäccesse” mit Handy am Ohr im Bus nach Sayn: Trotz Musik ist es merkwürdig still. „Born to be wild” - und die Schwierigkeit des Stückeschreibens: „Was spielen wir jetzt. Wir sind einfach zu dumm. Schüler sind dumm. Sagt man jedenfalls”. Tom Jones besingt „Delilah” und eine junge Frau versucht jeden Morgen vergeblich aus der digitalisierten Welt auszubrechen und setzt dem schließlich selbst ein Ende: „Ist das das Ende von Stücken? Ich wollte eigentlich einen Mord und keinen Selbstmord”, resümiert ein Gruppenmitglied.

Ganz ohne Worte und nur mit Musik geht es auch und hier gibt es dann doch so etwas wie eine Handlung mit „Happy End” - auch wenn es um Körperkult, Anmache, Arroganz und die Schönen und Reichen geht: Lügen, lügen – alle lügen stündlich, minütlich, immer. Lügen sich etwas in die Taschen, tauchen in Parallelwelten ein, Drogen, Dope helfen dabei: „Lance Armstrong, unser Held, unser Gott. Sogar auf dem Mond” - „Das war doch ein anderer”. Worte sind so trügerisch, lassen viele „Spiel”räume und Deutungen zu: „Glück ist biologisch abbaubar”. Am Ende bleiben manchmal nur noch sinnfreie Worthülsen.

Und dann, ganz am Ende, taucht er doch noch auf: Werther, der nicht facebook, sondern Goethe „Was wäre die Welt ohne ihn?” und Lotte liebt: „Sie ist die Schönste”. Lotte?  „Ich kannte mal eine in der zehnten Klasse. Die hat mich dann mit ihrer Mutter erwischt”. „Habe gerade eine bei facebook gefunden. Sieht scheiße aus. Schlampe. Es hat sich wohl ausgelottet”. „Ausgelottet? – Ist das jetzt ein Neologismus?”. „Ist das jetzt ein Stück über Lotte oder über facebook?” Es ist halt so eine Sache mit dem Stückeschreiben.

Den Zuschauern im ausverkauften Sporkenburger Hof jedenfalls hats gefallen. Schulleiter Rudolf Loch und Kursleiter Friedhelm Hahn ebenfalls. Und den Schülern auch: Sie  werden ihre Stücke und Fragen noch in zwei weiteren Vorstellungen auf die Bühne bringen.  (mrk)

Die Einakter und ihre Darsteller

  • Stück 1  OhneTitel I - Sophia Bielesch, Arne Hüsing, Victoria Marner, Janosch Zmelty,
  • Stück 2  Dope oder Armstrong - Rouven Beschkitt, Louise Elßner, Alina Lemler
  • Stück 3  Einmal Sayn und zurück -  Simon Kieffer, Bastian Kremer, Alina Schlag, Philipp Strüder, Finn Überrück-Fries
  • Stück 4  Digital: Aber ich - Anna Espenschied, Benedikt Heil, Kiana Köhler, Lina Schmitt
  • Stück 5  Ohne Titel II -  Steffen Schmelzeisen, Florian Stark, Dennis Steinhard, Maximilian Walldorf
  • Stück 6   Lügen, Pantomime -  Hanna Awan, Dominik Brand, Isabel Dücker, Regina Siebert
  • Stück 7   Als Idee: Der Glaube -  Laura Brunetzki, Jan Nikolaus Lieberum, Alina Thöne, Finn Überrück-Fries
  • Stück 8   Angst – Glück:  Jaqueline Böhm, Elisa Geis, Tolu Gebhardt, Jessica Zahn
  • Stück 9   Werther: Mein Facebook und ich:  Adrian Gensicke, Michelle Gargula, Patricia Stafeij, Philipp Strüder