Es ist 14.30 Uhr, und für 17 Schüler des Johannes-Gymnasiums beginnt der Sozialkundeunterricht. Norbert Kalt hält eine leere Weinkiste aus Pappe unter dem Arm und begrüßt seine Schüler. Mit ruhiger Stimme verliest er die Namen der Wahlhelfer für den nächsten Tag. Die Schüler-Johannes-Gymnasiums Lahnstein geben eine Woche vor der Bundestagswahl ihre Stimme ab – bei der deutschlandweiten U 18-Wahl. Kalts Leistungskurs verantwortet das Prozedere, baut die Wahlkabinen auf und übermittelt zum Schluss die Ergebnisse an das zentrale U 18-Wahlbüro in Berlin. 

Gebrummel. Einige Schüler wollen ihre Schicht tauschen. Jeweils drei Jugendliche sollen eine Unterrichtsstunde lang die Wahlkabinen betreuen und vor allem den Jüngeren erklären, wie das mit dem Wählen überhaupt funktioniert. Das Problem ist schnell gelöst. Lehrer Kalt spricht ein Machtwort. Die Aufgaben sind klar verteilt. Während zwei Schülerinnen die Weinkiste mit U 18-Plakaten bekleben und einen Schlitz für die Stimmzettel schneiden, rückt der Rest aus und stellt im gläsernen Verbindungsgang der Schule Trennwände zurecht, klippt rote Befestigungen an die Tische und stellt die Pultteiler auf. Das sind gelbe Metallplatten, die während einer Klausur oder der Prüfungen die Sicht zum Nachbarn versperren sollen; sie sollen das Schummeln erschweren. Bei der U 18-Wahl in Lahnstein wahren sie den Schutz des Wahlgeheimnisses.

Bundesweit wurden 1515 Wahllokale für die U 18-Wahl registriert, in Rheinland-Pfalz sind es 15. Eins davon steht nun fertig aufgebaut im gläsernen Durchgang des privaten Johannes-Gymnasiums.

Wahltag, 10 Uhr. „Wart ihr schon wählen?“, ruft die 16-jährige Marla zwei Jungs hinterher, die durch den Gang schlendern. „Jaa“, raunt es ihr zurück. Die mittlerweile bunte Weinkiste hat an Gewicht zugelegt. 200 Wahlzettel hatten die Schüler drucken lassen – und haben sich damit völlig verschätzt. Noch vor der großen Pause, bei der die Wahlhelfer den größten Andrang erwarten, sind die Zettel aufgebraucht. Eilig lassen die Schüler weitere 150 Stück nachdrucken. „Ich habe nicht damit gerechnet, dass so viele wählen gehen. Aber das zeigt ja, dass bei den Jugendlichen doch ein Interesse für Politik vorhanden ist“, sagt der 16-jährige Julius Wittkopp.

Es ist 10.25 Uhr. Große Pause. Dutzende Schüler strömen durch den gläsernen Durchgang, wo die Wahlkabinen stehen. Nach etwa zehn Minuten hat sich eine sieben Meter lange Menschenschlange bis zum Treppenhaus gebildet. Eine kleine Gruppe Siebtklässler diskutiert den Wahlzettel. „Die Piraten sind die Besten“, sagt einer. „Partei der Vernunft kenne ich nicht“, ein anderer. Der 15-jährige Leon schließlich hat den Durchblick und erklärt den anderen, wofür die Parteien eintreten.

Nur 20 Minuten nach Beginn der großen Schulpause stehen 50 Striche mehr auf der Liste der Wahlhelfer. Alina macht hier am U 18-Stand zum ersten Mal ihre politischen Kreuzchen. Die 13-Jährige findet Wählen wichtig; sie hat sich die Parteien vorher angeschaut, Programme gelesen und danach analysiert, was sie für Kinder und Jugendliche in den nächsten vier Jahren tun wollen. „Ich wollte einfach mal wissen, wie das ist zu wählen“, sagt sie, nachdem sie ihren Zettel in die bunte Weinkiste gesteckt hat. „Wer nicht wählen geht, darf auch nicht meckern“, findet Alina. Und das Meckern will sie sich später, wenn sie an den richtigen Wahlen teilnehmen kann, nicht nehmen lassen.

Kurz nach 13 Uhr machen sich die Wahlhelfer des Sozialkunde- Leistungskurses der elften Klasse an die eigentliche Arbeit: auszählen. Mehr als 430 der rund 900 Schüler haben ihre Stimme bei der U 18-Wahl abgegeben. „Überraschend“ und „erfreulich“ nennt Sozialkundelehrer Kalt die hohe Wahlbeteiligung. Er hatte das Projekt in den Unterricht geschoben, obwohl es für die elfte Klasse nicht im Lehrplan stand. Jetzt lächelt er.

aus: Rhein-Lahn-Zeitung, 14.09.2013

 Mehr zur U 18-Wahl und zu den Ergebnissen finden Sie im Internet auf www.u18.org