Einer der führenden Köpfe Europas war zu Gast in Lahnstein: Der Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz, diskutierte am Freitag mit Oberstufenschülern des Johannes-Gymnasiums über verschiedene europäische Themen. Ebenfalls auf dem Podium saß der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz, der sich allerdings merklich zurückhielt: „Denn wann haben Sie schon mal die Chance, die Ansichten eines europäischen Politikers diesen Formats zu hören“, sagte Lewentz, der Schulz als „Türöffner“ für das Land bei der anstehenden Privatisierung des Nürburgrings bezeichnete.

Der Leistungskurs Sozialkunde hatte die Fragestunde organisiert, Schülersprecher Steffen Schmelzeisen moderierte – rund eine Stunde lang konnten die Lahnsteiner den Präsidenten des Europäischen Parlaments mit Fragen löchern, wobei sich der 59-Jährige wenig überraschend als glühender Verfechter der europäischen Idee zeigte. Überraschend hingegen, wie schlagfertig und eloquent sich der Politiker im Gespräch mit den Schülern präsentierte. Die Fragen drehten sich unter anderem um die Komplexe Jugendarbeitslosigkeit, Flüchtlingspolitik, Schuldenkrise und Klimawandel – und natürlich wollten die Gymnasiasten von dem SPD-Politiker auch wissen, wie der über die von Edward Snowden enthüllte NSA-Datenaffäre denkt. „Zunächst einmal habe ich da meine eigene Anti-NSA-Strategie entwickelt“, witzelte Schulz, der nach der Europawahl im Mai für den Posten des Kommissionspräsidenten kandidieren wird. „Mein Handy ist nämlich so alt, das kann die NSA überhaupt nicht abhören.“ Naturgemäß sei der Einfluss der EU-Kommission auf die US-Geheimdienste allerdings begrenzt. „Wir können nur an Barack Obama appellieren, die Geheimdienste wieder unter eine demokratische Kontrolle zu stellen, denn diese haben sich offenbar verselbstständigt“, sagte Schulz. Grundsätzlich müsse sich aber jeder EU-Bürger der Gefahren des Internets bewusst sein. „Ich kann mich nicht über die NSA beschweren, wenn ich gleichzeitig bei Facebook poste, was ich wann, wo und wie gegessen habe.“

Auch auf das schlechte Image Deutschlands in Europa wurde er angesprochen: „Wie verteidigen Sie Deutschland zum Beispiel, wenn in den griechischen Medien mal wieder Nazivergleiche ausgekramt werden?“, wollte ein Schüler wissen. Schulz verwies auf deutliche Worte bei seiner Rede im griechischen Parlament, warnte gleichzeitig aber auch davor, sich auf ein allzu hohes Ross zu setzen: „Nicht alles, was bei uns funktioniert, kann so einfach eins zu eins auf andere europäische Staaten übertragen werden.“ Ganz grundsätzlich müsse man sich auch fragen, warum die Deutschen so unbeliebt wie noch nie in Europa seien – „trotz unserer finanziellen Unterstützung von 400 Milliarden Euro“.

Trotz der begrenzten Zeit drückte sich Schulz um keine Antwort, sehr zur Freude von Schulleiter Rudolf Loch. „Toll, dass Sie trotz des vollen Terminkalenders für eine solche Veranstaltung an unsere Schule gekommen sind“, bedankte der sich und überreichte dem EU-Präsidenten noch eine Flasche Lahnsteiner Wein.

Aus: Rhein-Lahn-Zeitung (Bad Ems) vom Montag, 20. Januar 2014, Seite 23.


Filmbeitrag im Fernsehen

Einen Fernsehbericht des TV Mittelrhein finden Sie in unserer Rubrik Johnny Video News.