Von Katharina N. und Anne W.

Der erste Teil des Workshops fand bereits am Tag der Ankunft in einem Außengebäude des Hostels statt. Nachdem wir uns zur Einstimmung alle vorgestellt und erzählt hatten, was uns zu Luthers Musik schon bekannt ist, lasen wir zuerst einen Teil des Textes „Martin Luther und das Kirchenlied der Reformation“ von Joachim Stalmann. Dazu stellten wir uns die Fragen, welche musikalischen Formen die Reformatorische Musik benutzt, wie sich die Lieder verbreiteten und welchen Anteil Luther selbst daran hatte.

Bänkelsänger als Vorbilder

In der Gruppe sammelten wir eine Menge an Antworten: Beispielsweise fanden wir heraus, dass ein großes Vorbild für Luthers (und andere reformatorische) Kirchenmusik die Bänkelsänger waren, die auf Marktplätzen Geschichten in Liedern verpackt veröffentlichten. Dadurch, dass wenige Leute damals lesen konnten und Text mit Musik besser im Kopf bleibt, war das eine häufig genutzte Art der Verbreitung von Neuigkeiten.
Da die Reformatoren diese Bänkellieder auch kannten, lag es nahe, bereits vorhandene Melodien zu verwenden und einen neuen Text darauf zu schreiben.
Für die Kirche bekamen Lieder auch eine wichtige Bedeutung. Frauen durften in der Kirche gar nicht reden und auch Männer hatten wenig Teil an der eigentlichen Feier, da der Gottesdienst bis ins sechzehnte Jahrhundert noch ausschließlich auf Latein gehalten wurde. Durch das Einführen von deutschen Liedern konnte die Gemeinde mehr am Gottesdienst teilhaben und außerhalb des Kirchengebäudes durften auch Frauen diese Lieder singen.
Zur Verbreitung wurden daher zunächst noch keine Gesangbücher wie wir sie heute kennen gedruckt. Die ersten aufgeschriebenen Lieder für die Allgemeinheit gab es als Flugblätter, erst Jahre später kam es dann auch zu Büchern.

Hiernach haben wir uns in zwei kleinere Gruppen aufgeteilt. Unter der Leitung von Frau Kragl haben sich acht Schüler mit den eher weltlichen Aspekten und im Anschluss mit dem Komponisten Mendelssohn beschäftigt. Währenddessen nahmen sich die anderen fünf Schüler mit Frau Wittenbruch-Overings hauptsächlich Luthers „Christ lag in Todesbanden“, sowie den von Luther dazu herangezogenen Quellen und der Deutung desselben an, arbeiteten später auch noch mit Johann Sebastian Bachs gleichnamiger Kantate.

„Von Himmel hoch, da komm ich her“

    In der Kleingruppe unter Leitung von Frau Kragl hörten wir die restliche Zeit des ersten Workshops einen Vorläufer und verschiedene Fassungen von „Von Himmel hoch, da komm ich her“ an, dessen Text und Melodie von Martin Luther verfasst sind, und welches wohl das bekannteste seiner Kirchenlieder ist. Luther übernahm zunächst die Melodie und Teile des Textes eines Bänkellieds, man kann sagen, er coverte es. Aus dem Bänkellied-Anfang

    „Ich komm aus fremden Landen her

    Und bring euch viel der neuen Mär,

    Der neuen Mär bring ich so viel,

    mehr dann ich euch hie sagen will“

    machte Martin Luther den heute bekannten Liedtext:

    Vom himel hoch, da kom ich her;

    Ich bring euch gute neue mehr,

    der guten mehr bring ich so viel,

    davon ich singen und sagen will.

    Hierauf folgend wird in vierzehn weiteren Strophen die Weihnachtsgeschichte erzählt. Im Jahr 1539 schrieb Luther eine eigene Melodie für das Lied, die den Inhalt des Textes wiedergibt, da die Tonfolge am Anfang von oben herab kommt, sowie der Engel der die Botschaft überbringt, vom Himmel hinab auf Erden kommt.

    Bachs Oratorium und Mendelssohns Kantate

    Am Dienstagnachmittag hatten wir die Gelegenheit, in Räumlichkeiten der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt den zweiten Teil unseres Workshops abzuhalten. Wir betrachteten die fünfzehn ursprünglichen Strophen von „Vom Himmel hoch“ und überlegten, welche davon die sieben sind, die heute üblicherweise in den Gesangbüchern stehen. Wir entschieden uns für die Strophen eins bis sechs und fünfzehn, da in diesen Strophen die Zeichen aus dem Bibeltext, z.B., dass das Kind in Windeln gewickelt in einer Krippe liegt, wiederzufinden sind, und da in den anderen Strophen aus einer anderen Perspektive gesprochen wird.

    Bevor wir uns dann Mendelssohn zuwandten, hörten wir uns die Choräle Nummer siebzehn und dreiundzwanzig aus der zweiten Kantete aus Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium an, in denen er Luthers Melodie und Teile des Textes von Vom Himmel hoch übernommen hat. Außerdem wies Frau Kragl uns auf die große Ähnlichkeit zwischen dem Solo der Holzbläser aus dem Choral Nummer dreiundzwanzig und der Melodie der Sinfonia zu Beginn der Kantete hin, die bewirkt, dass das Werk von dieser Melodie gewissermaßen eingerahmt wird.

    Nun gelangten wir schließlich zu Felix Mendelssohn Bartholdy. Frau Kragl gab uns als Einführung einige zentrale Hintergrundinformationen über Mendelssohn. Er war ein sehr gläubiger vom Judentum konvertierter evangelischer Christ, er konnte als erster der großen Musiker frei schaffen, und er komponierte für die damalig weit verbreiteten Singakademien, die man mit heutigen Gesangsvereinen vergleichen kann. Bei den Auftritten solcher Singakademien durften Frauen erstmals und in christlichen Gotteshäusern singen und sprechen, ein kleiner Wendepunkt für die Stellung der Frau in der Kirche.

    Wir hörten uns den ersten Satz aus Mendelssohns Weihnachtskantate über das Kirchenlied Vom Himmel hoch an, in denen er den Liedtext der ersten und zweiten Strophe fugenartig verarbeitet hat, sodass man den Text teilweise kaum mehr verstehen kann.

    Am Ende des Workshops angelangt, unterhielten wir uns darüber, welche Musik uns persönlich besser gefällt; die etwas ruhigere von Bach, oder die sehr feierliche, pompöse von Mendelssohn. Beide zeigen auf jeden Fall, wie weit die Musik des Hobbykomponisten Martin Luthers es im Laufe der Jahrhunderte gebracht hat.

    Luthers Ostersequenz

    Unterdessen analysierte die Kleingruppe bei Frau Wittenbruch-Overings, in wie weit Texte und Melodien der Ostersequenz „Victimae paschalis laudes“ aus dem elften Jahrhundert und der Leise „Christ ist erstanden“ aus dem zwölfte  Jahrhundert für Luther als Quellen zu „Christ lag in Todesbanden“ dienten.

    Bei vergleichender Betrachtung der sieben Strophen der Ostersequenz (von der seit 1570 die sechste Strophe nicht mehr gesungen wird, weil diese judenfeindlich ist) und dem Text zu Christ lag in Todesbanden fiel uns recht schnell eine gewisse Ähnlichkeit auf. Auch wenn man den sieben Strophen Luthers nicht jeweils direkt eine Strophe der Ostersequenz zuordnen kann, so finden sich doch die meisten Textstellen wieder.

    In der jeweils ersten Strophe wird dazu aufgerufen, Lobgesänge zu bringen für das „österliche Schlachttier“ (Ostersequenz), beziehungsweise den erstandenen Christus (Todesbanden), welcher ja bis heute noch in dieser Hinsicht als Osterlamm bezeichnet wird. Die zweite Strophe der Ostersequenz zieht sich bis in die dritte Strophe von Christ lag in Todesbanden. Hier erzählt der Text von der Sünde und dem Tod, sowie der Erlösung durch das Osterlamm, wobei Luther intensiver die Sünden der Menschen und die Grausamkeit des Todes beschreibt.
    Viel beschäftigt hat uns die dritte Strophe der Ostersequenz (entsprechend der vierten Strophe C.l.i.T.). Hier heißt es „Tod und Leben rangen in wundersamem Zweikampf“. Zum einen diskutierten wir darüber, dass der Tod schnell personifiziert wird, jedoch das Leben nur durch Jesus als Person dargestellt werden kann. Zum anderen klärten wir, dass es sich bei diesem Zweikampf höchstwahrscheinlich um die Zeit nach Jesu Tod und vor seiner Auferstehung handeln muss, denn das Leben hat gesiegt und den Tod zum „Spott“ (Luther) gemacht. Luthers fünfte Strophe lässt sich wieder mit der ersten Strophe der Ostersequenz vergleichen, denn es geht wieder um das Osterlamm, das den Tod überwunden hat.
    In der Ostersequenz folgen nun zwei Strophen zu den ersten Zeugen am Grab. Maria Magdalena und die Engel werden aufgefordert, von den Geschehnissen am Grab zu berichten. Diese Stellen lassen sich nicht wirklich in C.l.i.T. finden, dafür lässt sich die siebte Strophe der Ostersequenz vergleichen mit der sechsten Strophe Luthers. Es wird von der Freude darüber gesungen, dass Christus für uns auferstanden ist und somit über Tod und Sünde gesiegt hat.

    In einem zweiten Teil unseres Workshops lasen wir einen Text von Andreas Marti zu der Frage in wie weit „Christ ist erstanden“ als Vorlage für „Christ lag in Todesbanden“ diente. Interessant ist, dass Luther veranlasste, dass sein Passions- und Osterlied unter dem Namen „Christ ist erstanden gebessert“ in den evangelischen Gesangbüchern erschien.
    Wir fanden heraus, dass Luthers erste Strophe den Inhalt der ersten Strophe des alten Liedes beinhaltet (Christ ist für uns erstanden), während sich die zweite Strophe von „Christ ist erstanden“ in der zweiten und dritten Strophe Luthers wiederfindet (durch die Auferstehung Jesu sind wir erlöst). Die dritte Strophe des „Christ ist erstanden“ besteht hauptsächlich aus Halleluja-Rufen. Diese finden sich am Ende jeder Strophe Luthers wieder.
    Marti kritisiert allerdings die fünfte und siebte Strophe von Luthers Osterlied. In diesen Strophen werden das jüdische Passa und das christliche Osterfest miteinander vermischt. Außerdem erwähnt der Autor, dass Luther sehr viele Bibelstellen eingebunden hat. So etwa den „Stachel“, den der Tod verloren hat (dritte Strophe), dieser entstammt aus dem ersten Korintherbrief. Aber nicht nur textlich, sondern auch musikalisch sind die Ostersequenz und „Christ lag in Todesbanden“ Vorlage für Luther gewesen.

    „Christ lag in Todesbanden“

    Als weiteren Punkt in unserer Reihe zu Luthers Osterlied stand noch die Kantate von Johann Sebastian Bach, die ebenfalls den Namen „Christ lag in Todesbanden“ trägt, auf dem Programm. Zunächst hörten wir uns alle sieben Sätze hintereinander an und machten uns Notizen. Auffällig ist, dass Bach den Text praktisch eins zu eins übernommen hat. Außerdem fielen uns viele Stellen auf, an denen die Musik absolut mit dem Text harmoniert, etwa im ersten Satz „Christ lag in Todesbanden“ fangen alle Stimmen nacheinander an, erst die vier Gesangsstimmen, danach die begleitenden Streicher. Dies führt dazu, dass es nach einer (freudig) aufgebrachten Menschenmenge klingt, die alle durcheinanderrufen, und trotzdem kann man den Text, nicht zuletzt wegen der vielen Wiederholungen, gut verstehen.

    Der zweite Satz beginnt mit den Worten „Den Tod niemand zwingen kunnt“. Dabei werden die Worte „Den Tod“ mehrfach abwechselnd von den zwei Solisten wiederholt, die Stimmen klingen klagend und verzweifelt. Ähnlich sind im vierten Satz Tod und Leben, die miteinander ringen, vertont. Die vier Chorstimmen beginnen nacheinander und die Textteile überlagern sich, sodass die Stimmen diejenigen sind, die stellvertretend „miteinander ringen“.  Auch ein schönes Zusammenspiel von Musik und Text findet sich in Vers sechs. Das „hohe Fest“ wird gefeiert, die Musik klingt wie ein Tanz. Außerdem sind in diesem Vers die Worte „Wonne“, „Sonne“, „Gnaden“ und „Herzen“ melismatisch vertont. Das hebt zum einen die Bedeutungsstärke der Worte hervor, zum anderen spiegelt sich die Freude in den schnellen Wellenbewegungen des Gesanges wieder.

    „Ich bring euch gute neue Mär..."

    Abschließend lässt sich sagen, dass alle Teilnehmer nach dem Workshop eine viel genauere Vorstellung über die Rolle von Musik für die Reformation haben, insbesondere davon was Martin Luther alles mit Musik gemacht hat: Er hat selbst komponiert, sehr ausdruckskräftige Texte verfasst, vorhandene Liedtexte in veränderter Form übernommen oder dafür gesorgt, dass vorhandene Lieder neu bearbeitet wurden.

    Getreu seinen Worten „Ich bring euch gute neue Mär (…) davon ich singen und sagen will“ hat Luther seine reformatorische Botschaft nicht zuletzt mithilfe der Musik in die Welt getragen.