Es ist offenkundig, dass Pilgern in unserer Zeit wieder viele Menschen in Bewegung setzt. Manche sprechen geradezu von einem „Pilgerboom“ oder einem Massenphänomen. An den Akademietagen wandten wir uns diesem Trend kritisch zu und boten dabei den Teilnehmer/innen auch die Möglichkeit der praktischen Erschließung dieses Phänomens. Daher standen neben der akademischen Auseinandersetzung auch zwei Pilgerwanderungen auf dem Programm der Akademietage. Die Auftaktveranstaltung bildete am 19. Februar 2014 ein Vortrag von Herrn Prof. Klaus Herbers (Universität Erlangen, Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte) mit dem Titel „Pilgern – unterwegs im Namen der Religion?“ in unserer Aula.


„Nicht Johnny, sondern Köbes“

Professor Klaus Herbers beleuchtete zum Auftakt der Akademietage  die Geschichte des Jakobswegs

Professor Klaus Herbers lehrt Geschichte des Mittelalters an der Universität Erlangen und ist der Fachmann für die Erforschung des Jakobswegs. Ein Historiker mit Humor, der nach dem Motto „nicht Johnny, sondern Köbes“ seine Zuhörer auf eine Zeitreise vom Johannes (-Gymnasium) zum Jakobus (-Weg) mitnahm und zugleich fragte, was Pilger seit Jahrhunderten bewegt, die Mühsal der Straße nach Santiago de Compostella auf sich zu nehmen.

„Warum macht ihr das? Ist der Weg das Ziel? Oder hat der Weg ein Ziel?“ –  wer eine Pilgerschaft beginnt, muss und musste sich der Frage nach dem Weg des Lebens zu stellen. Den „inneren“ Pilger zu charakterisieren fällt naturgemäß schwerer als den äußeren zu beschreiben. „Pilger waren seit jeher eine besondere Gruppe, die durch eigene Kleidung, einen Stab und eine Tasche auffielen“, beschrieb Klaus Herbers den Peregrinus als „einen Fremden auf dem Weg zu heiligen Orten“. Dabei konnte die „peregrinatio pro Christo“ aus freiem Willen, als Buße oder gar als Strafe erfolgen oder einfach, „um die Bibel besser zu verstehen, wenn man die Orte kennt, an denen Christus gewirkt hat“.

„Heilung und Heil lagen eng beieinander“, hielt der Historiker fest und verwies auf die Verknüpfung von körperlicher Gesundung und seelischem Heil, die Pilger im Spätmittelalter zu Tausenden nach Nordspanien trieb. Ein Kult, zu dem sich Mirakel und Reliquien als religiöse Begleiter gesellten, rief früh Kritiker auf den Plan, erst recht, als ökonomische Gesichtspunkte das periodische Pilgern zur „Erfolgsstory“ werden ließen. „Der Ablass hat heute keine gute Presse“, warf Herbers einen modernen und zugleich kritischen Blick durch die Luther-Brille.

Nicht immer waren es religiöse Motive, die nach Santiago wiesen. Von Wegelagerern, falschen Pilgern oder „Muschelbrüdern“ berichten die mittelalterlichen Quellen, Prestige, Flucht oder handelspolitische Gründe werden genannt. Der Liber Sancti Jacobi, ein um 1150 zusammengestellter Pilgerführer, bezeugt die europäische Dimension der Jakobswege und enthält – so der Erlanger Mediävist – „eine Vielzahl einzelner Geschichten, die manchmal wirksamer sind als die harte Wirklichkeit der Peregrinationsgeschichte“.

Herbers hat in seinen Veröffentlichungen die persönlichen Motive der Pilger akribisch zusammengestellt, seinen Vortrag bereicherte er um Itinerare und Karten, die das Pilgern als eine „Massenbewegung“ auf vernetzten Haupt- und Zubringerwegen veranschaulichten. Inwieweit der heutige Boom an Jakobswegen historischer Authentizität entspricht, ließ er offen, Pilgerwege seien multifunktionale Wege gewesen, deshalb sei es für die aktuelle Forschung müßig zu fragen, ob der Weg nun links oder rechts des Rheins verlaufen sei.

Als 22-jähriger war Herbers 1972 den Jakobsweg zum ersten Mal gegangen, insofern überraschte es ihn nicht, dass heute 40 Prozent der Pilger zwischen 20 und 30 Jahren alt sind. Der Camino de Santiago ist so gesehen ein junger Weg, der sich in der anschließenden Diskussion als eine Alternative auch für junge Menschen anbietet, die nach dem Abitur erst einmal innenhalten und sich der Frage nach der Lebensorientierung stellen wollen. Den beiden Leitgedanken der Akademietage, ob „Pilgerstraßen zum Lebensweg“ führen oder „Pilgern ein Unterwegssein im Namen der Religion“ sei, gab Herbers ein historisches Fundament, das während der anschließenden dreitätigen Pilgerschaft von Trechtingshausen nach Ockenheim reflektiert werden konnte.