Ein Sozialpraktikum an einer Schule auf der anderen Seite der Erde, verknüpft mit vielen Erfahrungen auch außerhalb der Schule – das sollte es werden, meine vierwöchige Reise nach Ecuador.

Doch wie komme ich überhaupt dazu, meine Herbstferien und zwei verpasste Schulwochen an einer Schule in Yaruquíes, einem kleinen Dorf in der Nähe von Riobamba im Andenhochland, zu verbringen? Der Grund ist eine gute Bekannte und Freundin meiner Mutter, Gabi, die seit Jahren die nichtstaatliche Schule „Unidad Educativa Adolfo Kolping“ begleitet und in Deutschland, der Schweiz und Spanien Fundraising betreibt. Als Kontaktperson zwischen den europäischen Spendern und der Schule reist sie fast jährlich nach Ecuador. Dieses Jahr bot sich mir die einmalige Gelegenheit, sie zu begleiten und so intensive Einblicke in den Schulalltag zu erhalten. Meine Tätigkeit reichte von einfachen Unterrichtsbesuchen über Assistenz im Englischunterricht in der Mittel- und Oberstufe bis hin zu Hausbesuchen bei den neuen Schülerinnen und Schülern. An den Wochenenden und nachmittags konnte ich zudem touristische Touren unternehmen sowie Bekannte von Gabi bei allerlei sozialen Projekten begleiten.

Los ging die Reise am Samstag, dem 24.9.2016 in Amsterdam. Nach dem 11-stündigen Flug wurden Gabi und ich in Quito von einer deutsch sprechenden, in Ecuador lebenden Familie in Empfang genommen und fortan begleitet. Eineinhalb Tage verbrachten wir in der modernen Hauptstadt, unter Anderem am Mitad del Mundo, einem Monument auf der (nicht ganz exakt bestimmten) Äquatorlinie.

Danach ging es auf der Panamericana nach Süden, vorbei an Vulkanen wie dem Cotopaxi, in Richtung der auf 2.800 Metern Höhe gelegenen Großstadt Riobamba, in dessen Süden sich das Dorf Yaruquíes und das Colegio Adolfo Kolping befinden. Begrüßt wurden wir zunächst inoffiziell von den rund 20 Lehrerinnen und Lehrern und am nächsten Morgen auch offiziell von den knapp 300 Schülerinnen und Schülern. Übernachten konnten Gabi und ich in einer einfachen Unterkunft für Volontäre auf dem Schulgelände.

Bei einem Rundgang am folgenden Tag wurde mir das Schulgelände gezeigt. Die ‚Unidad Educativa‘ bietet alle Klassen von der Grundschule (1.-7. Klasse), Mittelstufe (8.-10. Kl.) und Oberstufe (1.-3. de bachillerato; entspricht 11.-13. Kl.), sowie zusätzlich eine Berufsausbildung ab der achten Klasse in den Bereichen Gastronomie/Hotellerie, Metallwerkstatt oder Schreinerei an. Dies führt dazu, dass die Schüler bis auf das Mittagessen durchgehenden Unterricht von 7:10 bis 14:30 Uhr, an manchen Tagen bis 16:00 Uhr haben. Die Schüler sind zur knappen Hälfte Indígenas, also Eingeborene (Indios möchten sie nicht genannt werden), in jedem Fall aber sehr arm. Die Eltern zahlen bis zu 15 US-Dollar Schulgeld pro Monat, oft aber weniger (Die eigentlichen Kosten betragen rund 80 $ pro Schüler). Den Rest übernehmen die Spender in Europa, Zuschüsse vom ecuadorianischen Staat gibt es keine.

In der ersten Woche habe ich den Unterricht kennengelernt. Die Fächer sind ähnlich wie bei uns, auch die Lehrpläne sind ähnlich. Doch es wird fast ausschließlich Faktenwissen vermittelt, nicht analysiert, interpretiert, diskutiert oder kritisch hinterfragt. Außerdem hat der sehr autoritäre Staat einen großen Einfluss auf die Bildung, indem er  den Lehrstoff sehr penibel festlegt und Schulbücher als PDF zum Ausdrucken bereitstellt.

In den folgenden Wochen habe ich zum einen den Englischlehrer Daniel begleitet und ihn im Unterricht unterstützt. Das Niveau des Englischunterrichts ist sehr niedrig, auch in der Oberstufe kommen die Wenigsten über einen einfachen Satz hinaus.  Die meisten Übungen behandeln grundlegende Grammatik wie das Bilden von Komparativen und Superlativen, Adverbien und dergleichen. Trotzdem war es ein seltsames Gefühl, Englischunterricht auf Spanisch zu geben.

Zum anderen durfte ich Gabi und die Sozialarbeiterin Marta bei Hausbesuchen begleiten, bei denen sie das familiäre Umfeld und die Behausung aller neuen Schüler begutachten. Mithilfe der gewonnen Informationen legen sie die Höhe der Schulgebühr fest und können die Situation des Schülers besser beurteilen, wenn Probleme auftreten. Für mich waren diese Besuche eine besondere Gelegenheit, die Lebensumstände der Kinder und Jugendlichen intensiv kennenzulernen.

Neben den schulischen Aktivitäten konnte ich Ecuador natürlich auch von der touristischen Seite aus kennenlernen. So fuhren die Schulleiterin Janeth und ihre Familie, Gabi und ich ein Wochenende nach Ingapirca, wo die 500 Jahre alten bedeutendsten Inkaruinen Ecuadors gefunden wurden. Ein anderes Wochenende fuhr ich allein acht Stunden mit dem Bus in den Urwald hinein, um dort von einer abgeschiedenen Lodge aus geführte Wanderungen durch den Regenwald zu unternehmen. Außerdem stieg ich zusammen mit Mario auf 5000 Meter des 6310 m hohen Vulkans Chimborazo (davon allerdings 4800 Meter mit dem Auto…), begleitete die Kichwa-Lehrerin Carmita in abgelegene Indígena-Gemeinden (Kichwa ist die Sprache der Indígenas), den dauerhaft in Ecuador lebenden Schweizer Thomas bei einem Projekt, bei dem er für Indígena-Gemeinden Brunnen bohrt und Wasserleitungen verlegt sowie den Architekten Byron auf eine Baustelle und anschließend zur ältesten Kirche Ecuadors und zum pittoresken See Laguna Colta.

So war ich sehr traurig, am 18.10. die lieb gewonnenen Menschen und die atemberaubende Natur zu verlassen, gleichzeitig natürlich aber auch froh, in die Heimat zurückzukehren.

Bleibt die Frage, was ich gelernt, was ich an Erfahrungen gesammelt habe.

Nun, neben verbesserten Spanischkenntnissen war es sehr interessant, den Alltag an einer Schule in einem Entwicklungsland kennen zu lernen.

Auch war es die Bekanntschaft mit Kindern und Jugendlichen einer fremden Kultur, die zwar sehr andersartig ist, gleichzeitig aber in einem Prozess der Amerikanisierung steckt, sodass sich die Jugendlichen in einem Konflikt wiederfinden, ob sie beispielsweise die seit Jahrhunderten übliche Indígena-Tracht oder doch Jeans anziehen, traditionelle Gerichte oder Fast Food essen sollen.

Am Wichtigsten ist für mich jedoch die Erkenntnis, dass es alles andere als selbstverständlich ist, in einem reichen, sicheren und privilegierten Land wie Deutschland geboren zu sein.

 

(Felix Goldstein, 21.10.2016)