Mathematik, Doktorarbeit und Klavierkonzert, Gesang als Solist und im Duett – wie passt das zusammen? Hervorragend, wie jüngst drei junge Künstler in der Aula des Lahnsteiner Johannesgymnasiums bewiesen haben. Getragen wurde ihr Konzert in der Hauptsache von dem ehemaligen Schüler des Johannesgymnasiums und heutigen Mathematikstudenten Jan Müller. Als Solisten waren die Mezzosopranistin Irene Heinrich und der Tenor Christoph Gerthner dabei. Alle drei studieren an der Technischen Universität Kaiserslautern Mathematik und musizieren seit fünf Jahren zusammen. Johann Sebastian Bach benannte Jan Müller als seinen Favoriten, und so begann das Konzert auch mit dessen schnellen und lebhaften Werken, Präludium und Fuge d-Moll und Präludium und Fuge a-Moll. Da war es jedem Einzelnen im Publikum schon klar, dass hier ein wahrer Könner am Klavier saß. Diese Erkenntnis vertiefte sich im weiteren Verlauf des Konzertes, das der Künstler mit Friedrich Mendelssohn Bartholdys Paulus Oratorio, opus 36, Cavatine, „Sei getreu bis in den Tod“, fortsetzte, wobei der junge Tenor Christoph Gerthner den Gesangspart übernahm. Das war Harmonie in Vollendung, so wunderbar schön anzuhören. Mit Präludium und Fuge h-Moll (opus 35 Nummer 3) ging Jan Müller über zu Franz Schuberts „Ellens dritter Gesang“ (opus 52 Nummer 6), den Irene Heinrich als das bekannte „Ave Maria“ zu Gehör brachte.

Es war unglaublich, wie intensiv Klavier und Stimme zueinanderfanden. „Jetzt spiele ich mein Lieblingsstück“, kündigte Jan Müller die „Elégie“ an, die Sergei Wassiljewitsch Rachmaninow im Alter von 19 Jahren komponierte. Das Publikum war so von dem intensiven Spiel verzaubert, dass es kaum zu atmen wagte. Jan Müller schien das Spiel leicht zu fallen. Er lächelte sogar leicht, und doch spielte er in sich vertieft mit geschlossenen Augen. Diesem jungen Künstler bei seinem Klavierspiel zuzuhören, ihn an diesem Instrument zu erleben, das war fesselnd bis in die letzte Muskelfaser. Bei einigen Zuhörern bewegten sich unwillkürlich die Finger, als wollten sie mitspielen. Noch einmal Bach mit seinem Präludium und Fuge cis-Moll, bis Christoph Gerthner wieder ans Klavier trat und aus Wolfgang Amadeus Mozarts „Don Giovanni“ die Arie des Don Octavio sang, „Il mio tesoro intanto“. Wie soll man diesen Einklang beschreiben? Das muss man einfach in all seiner Schönheit gehört haben. Natürlich fehlte „die Klavierschule Frédéric Chopin“ nicht, wie er dessen „Fantasie-Impromptu opus 66“ ankündigte. Dieses wunderbare Stück sei erst nach Chopins Tod veröffentlicht worden, sagte Jan Müller, setze sich und spielte. Er spielte dieses Stück mit erkennbarer Hochachtung vor dem Komponisten, die Augen wieder geschlossen. Die Finger berührten die Tasten, als hätten sie noch nie etwas anderes getan. Irene Heinrich und Christoph Gerthner sangen im Duett aus Georg Friedrich Händels Werk, „L'Allegro, il Penseroso ed il Moderato“ das Lied „As steals the morn upon the night“. Das Publikum hing mit allen Sinnen an den Lippen der beiden. Gleichzeitig lauschte es dem Klavierspiel, um ja keinen noch so zarten Ton zu verpassen. Das wäre auch zu schade gewesen. Das „Schade“ kündigte sich an, denn mit Chopins „Etüde a-Moll“, bekannt als Winter-Etüde, wollte Jan Müller das Konzertende einläuten. Aber nein, nach diesem wahrlich ernsthaften Konzert brach der Schalk aus den drei Künstlern heraus, gaben sie sich herrlich humorvoll. 

Jan Müller erfreute das Publikum mit einer Variation der Winter-Etüde, die der türkische Weltbürger und Bürgerrechtler Fazil Say gerockt hatte. Da ging die Post ab, ohne dabei Chopins Komposition zu zerreißen. Und bei der zweiten Zugabe, Mozarts „A la Turca“, spielten die drei jungen Musiker sogar sechshändig – fröhlich und mit herzhaftem Lachen, das die tollen Künstler noch sympathischer machte.

 aus: Norbert Schmiedel, Rh.-Lahn-Ztg. Bad Ems vom Mittwoch, 20. Januar 2016, Seite 18